Wie identifiziert und analysiert man Obsoleszenzen im urbanen Umfeld und ihre Wirkung auf Flächen? Und wie lassen sich daraus Ansätze für nachhaltige Transformationen ableiten? Dafür werden anerkannte wissenschaftliche Methoden analysiert und adaptiert, um so einen spezifischen Werkzeugkasten für den Umgang mit Obsoleszenzen aufzubauen.

Systemwissen

Welche aktuellen Megatrends beeinflussen die Entwicklung von Stadträumen und Gebäuden? Trends – unter anderem in Form von Mode-, Branchen-, Umfeldtrends – sind in unserem täglichen Leben verankert. Fristigkeit und Wirkungstiefen von Trends sind begrenzt. Megatrends dagegen bestehen über mehrere Jahrzehnte, beeinflussen alle gesellschaftlichen Bereiche, sind global auftretende Phänomene, verlaufen dynamisch und können sich gegenseitig verstärken. (Horx 2014) Das Schaubild zeigt, dass die Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende sowie der Religiositätswandel nicht isoliert sind, sondern von den Entwicklungen anderer Megatrends beeinflusst und verstärkt werden.

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Nicolas Beucker, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Quelle
Horx, M. (2014): Das Megatrend Prinzip – Wie die Welt von morgen entsteht, München

Welche spezifischen Flächen- und Bautypologien werden obsolet? Durch gesellschaftliche Veränderungen und Megatrends können Gebäude und Stadträume ihre Nutzung verlieren. In der jüngeren Vergangenheit konnte dies u.a. bei Hafen-, Bahn- oder Militärflächen beobachtet werden. Digitalisierung, Verkehrswende und Religiositätswandel sind Megatrends, die heute Flächen in den Kategorien Handel, Arbeit, Mobilität und Religiosität beeinflussen. Das Forschungsprojekt benennt spezifische Flächen- und Bautypologien, die diesen vier Kategorien entsprechen. Die Typen sind in einer Matrix dargestellt, die auch zeigt, an welchen Orten in der Stadt ihr Leerstand wahrscheinlich ist.

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Stefan Rettich, Sabine Tastel

Wo in der Stadt liegen die Flächen- und Bautypologien, die ein besonders hohes Risiko haben, obsolet zu werden? Anhand dieses Stadtschemas ist ein grober Überblick möglich. Die verschiedenen Typen, die von den Megatrends Digitalisierung, Verkehrswende sowie Religiositätswandel beeinflusst werden, lassen sich klar innerhalb der urbanen Agglomeration verorten. Die Lage ist entscheidend, denn das Obsoleszenz-Risiko einer städtischen Funktion ist nicht an jeder Stelle gleich hoch. Im Projekt dient dieses Schema als modellhafte Grundlage für die Identifikation und Analyse des Obsoleszenz-Risikos der Flächen in den Case-Study-Städten Hamburg und Hannover.

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Stefan Rettich

Mehr-Ebenen-Perspektive

Welche Faktoren begünstigen den Wandel des Handels und welche Stadträume und Gebäude sind davon betroffen? Die Mehr-Ebenen-Perspektive (MLP) unterscheidet nach Megatrends (Landscape Ebene), Stakeholdern (Regime-Ebene) und Innovationen (Nischen-Ebene). Sie zeigt wie diese in Wechselwirkung zueinanderstehen und wie sich dadurch Transformationen entwickeln können.

Die Globalisierung der Märkte und die Individualisierung der Konsumenten setzen den stationären Einzelhandel – vor allem in den Innenstädten – unter Druck. Insbesondere Plattformökonomien im Zuge fortschreitender Digitalisierung wirken hier disruptiv. Die Krise des Einzelhandels öffnet jedoch gleichzeitig ein Fenster der Gelegenheit. Obsolet gewordene Typologien geben Raum für innovative Stadtentwicklungskonzepte und nutzungsdurchmischte, resilientere Innenstädte.

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Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Stadträume und Gebäude, die ausschließlich auf die Nutzung des Motorisierten Individual Verkehr (MIV) ausgelegt sind, werden in wachsenden Großstädten perspektivisch obsolet. Begünstigt durch eine Vielzahl miteinander eng verwobener Megatrends (Urbanisierung und Klimawandel, Verkehrs- und Energiewende sowie Digitalisierung) entsteht aus der Nische heraus eine wachsende, neue Mobilitätskultur aktiver, kollektiver, geteilter und klimafreundlicher Mobilitätsformen. Neben diesen wirken auch neue, restriktive politische Vorgaben disruptiv auf autodominierte Stadträume ein – wie z.B. Feinstaub-Grenzwerte. Das Schaubild der Mehr-Ebenen-Perspektive veranschaulicht, wie Disruptionen ein Fenster der Gelegenheit öffnen und damit Potenzialräume für eine nachhaltige und gemeinwohlorientierte Stadt entstehen.

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Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Der Demografische Wandel sowie pluralistische Lebensformen (Individualisierung) führen zu stetig sinkenden Mitgliederzahlen der Kirchen. Gerade jüngere Generationen üben vielfältige Formen der Spiritualität aus. Ein Abwenden von der traditionellen Institution Kirche sowie das steigende Interesse an alternativen Bestattungsformen sind die Folge. Leerstand kirchlicher Gebäudetypologien sowie ein sinkender Auslastungsgrad der Friedhöfe eröffnen ein Fenster der Gelegenheit. Obsolete Stadträume und Typologien können folglich nach gemeinwohlorientierten Prinzipien transformiert werden.

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Clemens Brück, Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel

Gemeinwohlkompass für die Transformation obsoleter urbaner Strukturen

Was genau ist gemeint, wenn man von einer „gemeinwohlorientierten“ Transformation obsoleter urbaner Strukturen spricht? Der Begriff des Gemeinwohls wird aktuell breit diskutiert und im Rahmen der Leitbilder für zukünftige Stadtentwicklung eingesetzt, so zum Beispiel auch in der Neuen Leipzig Charta. Dieser abstrakte Begriff bedarf auch im Kontext obsoleter Räume eine Konkretisierung und Operationalisierung.

Aus einer Reihe praktischer Fragen, die dieser stadtplanerischen Aufgabe innewohnen, haben wir drei „Dimensionen des Gemeinwohls“ entwickelt: Stadtökologie, Ko-Produktion und Verteilungsgerechtigkeit sowie Eigenart. Sie sind in einem sogenannten Gemeinwohlkompass zusammengefasst, der als Orientierungsrahmen und Diskussionsgrundlage dient. Das Ziel des Gemeinwohlkompass‘ ist es, dazu anzuregen, den Begriff des Gemeinwohls nicht nur als Leitbild zu postulieren, sondern Räume und Formate zu kreieren, die den beteiligten Akteur*innen eine gleichberechtigte Verhandlung und Auseinandersetzung sowie Verlautbarung ihres Gemeinsinnes ermöglichen.

Die Dimension der Stadtökologie umfasst im Kontext obsoleter Strukturen insbesondere:

  • den Ressourcenschutz bei Bau und Betrieb von Gebäuden, urbanen Infrastrukturen und im städtischen Alltag,
  • die Resilienz gegen zunehmende Extremwetterlagen und weitere Phänomene des Klimawandels im gesamtstädtischen und lokalen Maßstab (u.a. Hitze, Trockenheit, Starkregenereignisse),
  • die gerechtere Verteilung von Umweltressourcen und -belastungen.

Bei der Transformation obsoleter urbaner Strukturen stellt sich die Frage, wie diese systemisch in der Beziehung zu bestehenden Raumgefügen im Sinne ökologischer Nachhaltigkeit weiterentwickelt werden können. Die Neuprogrammierungen sollen dabei langfristig, auf unterschiedlichen Maßstabsebenen der Stadt, zu gesunden Mikroklimata führen. Dies schließt die gezielte Schaffung neuer Grünräume mit ein.

Die Dimension der Ko-Produktion und Verteilungsgerechtigkeit bezieht sich auf die Entwicklung obsoleter Strukturen als Ergebnis eines Aushandlungs- und Gestaltungsprozesses multipler Akteur*innen. Qualitative und quantitative Bedarfe gilt es in ko-produktiver Art und Weise zu ermitteln und auszuhandeln sowie gemeinwohlorientierte Nutzungen langfristig zu sichern. Die einzelnen Konzeptions- und Planungsschritte sind gemeinsam mit lokalen Akteur*innen zu gestalten, um Verteilungsgerechtigkeit und Teilhabe einer breiten Stadtgesellschaft zu gewährleisten. Kommunen kommt dabei auch deshalb eine zentrale Rolle zu, weil sie sich durch eine aktive Bodenpolitik erst eine stärkere Handhabe über obsolet gewordene Räume sichern müssen.

Mit der Dimension der Eigenart sind lokale Praktiken sowie räumliche und soziale Strukturen (z.B. Baukultur, Gewerbeformen, Eigentumsformen, Nutzungen, kulturelle Errungenschaften etc.) gemeint. Diese sollten identifiziert und kritisch hinterfragt werden. Es muss beispielsweise diskutiert werden, in welcher Hinsicht lokale Eigenarten erhaltenswert sind, wie sie weiterentwickelt werden können oder ob sie aufgrund möglicher negativer Pfadabhängigkeiten transformiert werden sollten.

Ihrer Natur nach sind diese drei Dimensionen auch als Nachhaltigkeitsdimensionen zu verstehen, und so sind sie an die Dimensionen des „Normativen Kompass“ angelehnt, die der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) 2016 in seinem Gutachten „Der Umzug der Menschheit: Die transformative Kraft der Städte“ formuliert hat.

Um die drei Dimensionen ­– Stadtökologie, Ko-Produktion & Verteilungsgerechtigkeit und Eigenart ­– zu operationalisieren, werden sie für jeden der vier Teilschritte der gemeinwohlorientierten Transformation obsoleter Strukturen betrachtet: Sichten (1), Verfügbar machen (2), Programmieren (3) und Gestalten (4).

12 Fragen wurden formuliert, um den Stand des Gemeinwohls eines urbanen Raumgefüges oder einer konkreten obsoleten Struktur zu analysieren und sich an deren mögliche Entwicklungsperspektiven anzunähern. Sie sind in einer „Matrix des Gemeinwohls“ zusammengefasst. Die Matrix ist als Tool zu verstehen, um Reflexions- und Diskussionsprozesse vor Ort in Gang zu setzen und zu lenken.

Im Querschnitt der einzelnen Felder werden folgende Fragen formuliert:

  • Welche bisherigen Nutzungen sollten erhalten werden? Welche Neuen sind denkbar? Inwiefern können Neuprogrammierungen bisherige Lücken in der lokalen Versorgung (mit öffentlichen Frei- und Grünräumen, Wohnflächen, Betreuungsplätzen, Gewerbeflächen etc.) schließen?
  • Welche Akteur*innen können und sollen involviert sein? Wann soll dies erfolgen?
  • Welche Formate für Kooperation und Ko-Produktion sind dabei denkbar? Wie können Entscheidungsfindungsprozesse gestaltet werden, damit eine Erhöhung der Lebensqualität und einer größeren Verteilungsgerechtigkeit gewährleistet wird?

 

Die Matrix des Gemeinwohls bietet eine Diskussionsgrundlage für den Austausch mit Expert*innen und anderen Akteur*innen im weiteren Projektverlauf. In diesem Prozess wird sie weiter geschärft.

Matrix
Anamarija Batista, Nicolas Beucker, Anika Schmidt, Julia Siedle

Zielwissen

Wo liegen perspektivisch obsolete Flächen- und Gebäude in der Stadt? Unter Bezugnahme von georeferenzierten Datensätzen ist es möglich, spezifische Gebäude- und Flächentypen in ihrer Lage abzubilden und deren Größe zu ermitteln. Der von uns erstellte Katalog an potenziellen Obsoleszenzen  inventarisiert, kartiert und bildet in Form eines Kartensets einzelne Funktionen bzw. Gebäude- und Flächentypen ab. Als Fallbeispiel dienen die Städte Hamburg und Hannover. Für die Kartierungen wurden Daten der jeweiligen Kommune, Open-Source-Daten und – im Falle von Hamburg – der Hafen City Universität bezogen.

 

Auswahl der Kartierungen am Beispiel der Hansestadt Hamburg

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Stefan Rettich, Sabine Tastel

 

Quellen
1) ALKIS, Geo-Online Hamburg, Freie und Hansestadt Hamburg, Landesbetrieb Geoinformation und Vermessung, 2021, Datenlizenz Deutschland Version 2.0.

2) Einzelhandels- und Nahversorgungskonzepte der Hamburger Bezirke 2018, Freie Hansestadt Hamburg, Erhebungsstand 2016.

3) Gewerbeflächenportal, Freie Hansestadt Hamburg, Behörde für Wirtschaft und Innovation, 2018.

4) Open Street Map, 2021.

Wie viel Fläche wird perspektivisch obsolet? Anhand von Modellannahmen können Einschätzungen vorgenommen werden, in welcher Größenordnung die Obsoleszenz im Jahr 2030 ausfallen wird – das bedeutet wie viel Fläche perspektivisch aus der aktuellen Nutzung fällt. Die Berechnungen basieren auf wissenschaftlichen Studien und qualifizierten Prognosen. Die Auswertung erfolgte konservativ und ohne Berücksichtigung von Annahmen zu Raumeffekten der Covid-19-Pandemie. Das Ziel ist, Übertreibungen auszuschließen und einen tatsächlichen perspektivischen Mindestwert zu taxieren. Es ist somit davon auszugehen, dass der prozentuale Rückgang in Teilbereichen stärker ausfallen wird.

Hier geht es zu einer detaillierten Darstellung der Modellannahmen.

Erhebung und Grafik
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Wo befinden sich die Entwicklungs- und Transformationsräume von morgen? Ein gesamtstädtischer Übersichtsplan potenzieller Obsoleszenzen in Hamburg bildet die Grundlage der Ermittlung. Dafür wurden die zuvor erstellten Kartierungen übereinandergelegt und in Form eines Plans abgebildet. Aus dem Übersichtsplan lassen sich nun Häufungen ablesen – also Räume an denen sich besonders viele potenzielle Obsoleszenzen bündeln. Diese Häufungen sind ein zentraler Indikator für ein größeres Risiko der Obsoleszenz-Werdung, und somit auch für zukünftige Problemfälle der Stadterneuerung.

Welche identifizierten Häufungen besitzen nun das Potenzial für eine gemeinwohlorientierte Entwicklung? Eine Besonderheit stellt die Innenstadt dar. Hier sind eine große Anzahl von Flächen und Typologien mit erhöhtem Obsoleszenzrisiko zu finden. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass diese durch den immobilienwirtschaftlichen Druck sowie durch Anstrengungen von Bund und Kommune rasch vom Markt absorbiert werden. Häufungen an potenziellen Obsoleszenzen in der Inneren Stadt wurden daher, mit Ausnahmen, nicht weiter betrachtet.

Eine erhöhte Häufung an potenziellen Obsoleszenzen besteht auch bei ausgewiesen Gewerbegebieten. Diese liegen jedoch bereits stark im Fokus der Stadtentwicklung. Konflikte entstehen hier zwischen der Nachverdichtung durch Wohnungsbau und dem Erhalt von Ausweich-, Ersatz- und Vorratsflächen für gewerbliche Nutzung. Gewerbe- und Industriegebiete wurden daher zunächst aus der Betrachtung ausgeklammert.

Die restlichen Häufungen werden auf ihrer stadträumlichen Stadtortfaktoren hin untersucht. Neben Lagen an Magistralen und Haltestellen des schienengebundenen Nahverkehres machen Kirchen und/oder Friedhöfe Orte mit erhöhtem Entwicklungspotenzial aus. Als Landmark, und per se gemeinwohlorientierte Institution, kann die Kirche eine zentrale Rolle in der Etablierung einer gemeinwohlorientierten Stadtentwicklungspraxis übernehmen. Als Ergebnis dieser Untersuchungen ergeben sich beispielsweise für die Hansestadt Hamburg 24 perspektivische Potenzialräume.

 

Übersichtsplan potenzieller Obsoleszenzen

 

Häufungen potenzieller Obsoleszenzen nach Standortfaktoren

 

24 perspektivische Potenzialräume in Hamburg

Grafiken
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Typenkatalog der obsoleten Stadt

Die Taxonomie obsoleter Typen ordnet und klassifiziert perspektivisch obsolet werdende Gebäude und Freiräume nach deren Nutzungsart und typologischer Ausprägung. Der Begriff der Taxonomie findet Verwendung in der Biologie und bezeichnet eine systemische Ordnung artverwandter Typen. Obsolet werdende Raumtypen lassen sich erstens nach Obsoleszenz verursachenden Megatrends und zweitens nach ihrer Nutzungsart ordnen. Beispielsweise besitzen Kaufhäuser / Malls durch den Wandel des Handels ein erhöhtes Obsoleszenzrisiko. Zur Familie der Kaufhäuser / Malls zählen folglich am Ortsrand gelegene Fachmarktzentren, klassische Warenhäuser, innerstädtische Einkaufspassagen, Einkaufszentren und Markthallen.

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Marius Gantert, Julia Siedle

Der Katalog obsoleter Typen beschreibt Raumtypologien mit erhöhtem Obsoleszenzrisiko anhand ihrer wiederkehrenden bzw. typischen städtebaulichen und architektonischen Merkmale. Im Falle eines Einkaufszentrums sind das beispielsweise die räumliche Organisation der Verkaufsflächen um ein zentrales Atrium herum und das Vorhandensein von Parkplätzen in großer Zahl. 

Darüber hinaus führen unterschiedliche Umwelteinflüsse zu unterschiedlichen Erscheinungsformen. So weisen innerstädtische Einkaufszentren eher kompakte mehrgeschossige Baukörper auf, die um punktförmige Atrien herum organisiert sind, während Einkaufszentren in Stadtrandlage eher linear entlang einer inneren Passage mit Oberlicht organisiert sind und weniger Geschosse haben. 

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Marius Gantert, Julia Siedle, Elias Eichhorn

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Marius Gantert, Julia Siedle, Elias Eichhorn
Axonometrie
Lea Nolte, Universität Kassel

Transformationswissen

Im Frühjahr 2022 fanden drei Expert*innen-Werkstätten statt. Austragungsort war das Gemeindehaus Stellingen, in Mitten unseres Untersuchungsraums. In drei aufeinanderfolgenden Werkstätten diskutierte das Team „Obsolete Stadt“ gemeinsam mit eingeladenen Expert*innen die Gegebenheiten des Raumes, mit dem Ziel Transformationsszenarien zu skizzieren. Es waren Expert*innen der Verwaltung, der Kirche, der Handels- und Handwerkskammern, marktorientierter Institutionen und gemeinwohlorientierten Institutionen daran beteiligt. Die Leitideen der Werkstätten bestanden darin, (1) mit lokalen Akteuren das Verständnis des Stadtraumes zu schärfen, (2) gemeinsam gemeinwohlorientierte und marktorientierte Szenarien zu entwickeln und (3) die entstandenen Szenarien mit lokal verankerten Akteur*innen zu evaluieren und weiterzudenken.  

Vom Team „Obsolete Stadt“ eingeladene Expert*innen:

Werkstätten I und III (5. Mai und 16. Juni 2022):
Michael Benthack – Ev.-Luth. Kirchenkreis Hamburg-West/Südholstein
Christoph Färber – Handelskammer Hamburg (nur Werkstatt 1)
Kris Heitmann – bauwerk KIRCHLICHE IMMOBILIEN
Jan Philipp Stephan – Bezirksamt Eimsbüttel, Freie Hansestadt Hamburg
Henrik Strate – Handwerkskammer Hamburg
Svenja Timm – Bezirksamt Eimsbüttel, Freie Hansestadt Hamburg

Werkstatt II (19. Mai 2022):

Jörg Beste – synergon
Konrad Braun – ZUsammenKUNFT Berlin eG
Andreas Fuchs – Robert C. Spies
Antje Germer – Bezirksamt Hamburg-Nord
Valentin Hadelich – ECE Group GmbH & Co. KG
Stefan Heinig – Zentrum gesellschaftliche Verantwortung der EKHN
Dr. Barbara König – Genossenschaftsforum cooperativ e.V.
Dr. Frank Nägele – UTB Projektmanagement GmbH
Oliver Reichert – Jet Tankstellen Deutschland GmbH
Harry Sachs – Zentrum für Kunst und Urbanistik: ZK/U Berlin

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Uni Kassel / Maximilian Frey

Der Stadtteil Stellingen wird als Fallbeispiel vom Team „Obsolete Stadt“, gemeinsam mit externen Expert*innen, erforscht. Die Grafik veranschaulicht, dass sich dort potenzielle Obsoleszenzen der vier Handlungsfelder Handel, Arbeit, Mobilität und Religiosität bündeln. Im Zentrum befindet sich der Friedhof und die evangelische Kirche Stellingens. Entlang der Kieler Straße – einer bedeutenden Magistrale – reihen sich autoaffine Nutzungen, Einzelhandelsobjekte und vereinzelte Gewerbeimmobilien. Ergänzend ist der Raum über die bestehende S-Bahnlinie, die Magistrale Kieler Straße und in Zukunft über die U-Bahnlinie U5, welche sich noch im Bau befindet, verkehrstechnisch hervorragend angebunden. Erste Neubauprojekte, Flächenumwidmungen und Gebäudeleerstand deuten auf eine mittelfristige Transformation des Untersuchungsraums hin. Durch ein frühzeitiges Eingreifen in den Transformationsprozess besteht die Chance diesen in Richtung gemeinwohlorientierter und klimaadaptiver Stadtentwicklung zu lenken.

 

Grafik
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Was sind die charakteristischen Merkmale des Stadtteils Stellingen? Die Lesart bündelt räumliche Eigenschaften, die den Stadtteil prägen, und veranschaulicht diese in Form einer Grafik. Bei den räumlichen Eigenschaften kann es sich um signifikante Gebäude oder Stadträume im Stadtteil Stellingen handeln oder um äußere Einflüsse, die auf den Stadtteil einwirken. Beispielsweise verläuft die breit dimensionierte Magistrale Kieler Straße – gesäumt von Gewerbebauten, die vor allem durch ihre Werbeschilder ins Auge stechen – als räumliche Zäsur durch den Stadtteil. Die Gebäude der Firma Bode-Chemie und das Busdepot der Hamburger Hochbahn liegen dagegen als große Stadtbausteine fest verankert im Stadtraum und werden sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahren dort bestehen bleiben. Bei den äußeren Einflüssen handelt es sich unter anderem um das ungenutzte Potenzial der fußläufigen Nähe zum Altonaer Volkspark, einer der größten innerstädtischen Parkanlagen. Oder die direkte Nachbarschaft zum Stadtteil Eimsbüttel, einer beliebten gründerzeitlichen Wohngegend Hamburgs. Nachteilig wirkt sich dagegen der Fluglärm aus, der aus der Lage in der Einflugschneise zum Hamburger Airport resultiert sowie die großen Infrastrukturen von Bahn und Autobahn, die den Stadtteil im Westen begrenzen.

Grafik
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Wie könnte sich der Stadtteil Stellingen perspektivisch entwickeln? Gemeinsam mit Akteur*innen gemeinwohlorientierter und marktorientierter Institutionen wurde jeweils ein Leitbild für Stellingen erarbeitet:

Gemeinwohl-Leitbild: Stellingens neue Kraftzentren

Die Entwicklung kleiner und großer „Kraftzentren“ führt im Stadtteil Stellingen zu einer Eigendynamik für einen gemeinwohlorientierten Aufwertungsprozess. Die Entwicklung der „Kraftzentren“ muss – über die Anwendung diverser planungsrechtlicher Instrumente – von der Kommune gelenkt werden. Das große „Kraftzentrum“ umfasst den Bereich um den Friedhof inkl. angrenzender sozialer Nutzungen und das nördlich gelegene Gewerbegebiet. Ein übergeordneter Planungsprozess soll die Entwicklung des großen „Kraftzentrums steuern und die Themen Stadtökologie und Ko-Produktion berücksichtigen. Es könnte ein Gebiet entstehen, mit einer zentralen grünen Achse, weiteren sozialen Nutzungen um den Friedhof und Raum für kleinteiliges Gewerbe und Bildungseinrichtungen. Die kleinen „Kraftzentren“ liegen entlang der Kieler Straße. Über formelle Planungsinstrumente könnten die Grundstücke neu geordnet werden und für neue Nutzungen programmiert werden. Informelle Planungsinstrumente, wie ein Magistralen Code – ähnlich des St. Pauli Codes –, halten den Stadtraum entlang der Kieler Straße zusammen.

Markt-Leitbild: Stellingen – Stadtteil der Herzen

Die Marktakteure waren sich einig: Stellingen benötigt ein übergeordnetes Image / einen Titel / ein Leitbild. Denn ein übergeordnetes, innovatives Leitbild macht Stellingen für überregionale Investoren attraktiv. Daraus entstand „Stellingen – Stadtteil der Herzen“. Der „Stadtteil der Herzen“ besteht nun aus einzelnen Teilgebieten. Jedes Teilgebiet hat seine eigene, neue Charakteristik. Aus dem südlichen Gewerbegebiet soll beispielsweise das „EIMSY“ werden: Ein Gewerbegebiet, das Raum für Gastronomie und hochwertige Lebensmittelproduktion und -handel bietet. Entlang der Kieler-Straße entwickelt sich das „Kiel-Cluster“. Dort befinden sich große Stadtbausteine für urbane (vertikale) Produktion. Die „Kiel-Pockets“ dagegen sind kleine grüne Parkanlagen entlang der Kieler Straße, die die angrenzende Wohnbebauung aufwerten sollen. Im nördlichen Bereich könnte sich auf Grund der exzellenten Anbindung innovatives Gewerbe im Geschoss ansiedeln, etwa Labore.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grafik 01
Marius Gantert, Stefan Rettich, Sabine Tastel
Grafik 02
Stefan Rettich, Sabine Tastel

Gemeinwohlorientierte Transformation obsoleter Strukturen

Wie kann eine gemeinwohlorientierte Transformation obsoleter Strukturen gelingen? In den Expert*inneninterviews und in den transdisziplinären Werkstätten in Hamburg Stellingen zeigen sich wesentliche Konflikte und Defizite, die eine solche Transformation in der Praxis behindern: 

  1. Der Immobilienmarkt ist intransparent: Laufende Planungsprozesse zur Nachnutzung einzelner obsoleter Strukturen und Eigentümer*innenwechsel bleiben der Öffentlichkeit und auch den Behörden oft bis zuletzt vorenthalten. So werden Wissenshierarchien aufgebaut, die Möglichkeiten der Debatten einschränken und Verhandlungen verzerren.
  2. Es mangelt an kommunalen Strukturen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die der wachsenden Komplexität der Stadtentwicklung adäquat begegnen können. Dazu gehört beispielsweise die Schaffung verbindlicher Rahmenbedingungen, um eine gemeinwohlorientierte Transformation auf Quartiersebene zu verhandeln, zu definieren und umzusetzen. 
  3.  Die Mechanismen des Immobilienmarkts begünstigen die Entwicklung von Gebäuden, die reale lokale Nutzungsbedarfe in ihrer Komplexität nicht abbilden. Gleichzeitig fehlen Finanzierungsmodelle und -möglichkeiten für alternative, komplexere und gemeinschaftlich entwickelte Planungen.

Die Grafik benennt Ziele, um bestehende Konflikte zu überwinden und eine gemeinwohlorientierte Transformation obsoleter Strukturen zu fördern.

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Anamarija Batista, Julia Siedle

Um „Gemeinwohl“ lokal definieren und durchsetzen zu können, bedarf es der Formulierung konkreter Ziele und wirkungsvoller Instrumente ordnungspolitischer, aber insbesondere auch kommunikativer Art. Das wird in der Zusammenschau der Expert*inneninterviews und der Diskussion des Fallbeispiels Hamburg Stellingen klar. 

Einerseits müssen etablierte bodenpolitische Instrumente wie z.B. das Vorkaufsrecht aktualisiert und um neue Instrumente ergänzt werden. Sie sollen eine gemeinwohlorientierte Bodennutzung und das Abschöpfen von Planungsgewinnen zugunsten der Sicherung und des Ausbaus der öffentlichen Infrastruktur ermöglichen, und sie müssen von Kommunen schlüssig und rechtssicher angewandt werden können. Andererseits sind neue Dialog-, Verhandlungs- und Kooperationsformate auf lokaler Ebene die Voraussetzung dafür, Wissenshierarchien abzubauen und eine breite gesellschaftliche Debatte über gemeinwohlorientierte Bodennutzung überhaupt zu ermöglichen. Sie müssen finanziert und strategisch im Transformationsprozess eingesetzt werden, zum Beispiel um lokale Modelle und Regelungen für die Querfinanzierung gemeinwohlorientierter Nutzungen im Gebäude- oder Quartiersmaßstab zu entwickeln. Es zeigt sich auch: solche Modelle sind durchaus konsensfähig – denn von ihnen profitieren, insbesondere in „schwierigen“ Lagen, mittelfristig nicht nur Nutzer*innen, sondern auch Eigentümer*innen und Investor*innen.

Grafiken
Anamarija Batista, Julia Siedle